Die Rückkehr zur Überwachung

Published 17/06/2017 in Unternehmen, Wirtschaft

Die Rückkehr zur Überwachung
Lidl will bald wieder Kameras in deutschen Geschäften einsetzen.

Überfälle und Einbrüche haben den Discounter Lidl unter Zugzwang gesetzt. Jetzt will er punktuell wieder Videokameras in den Geschäften einsetzen. Hat das Unternehmen aus den Fehlern des Bespitzelungsskandals von 2008 gelernt?

Die Discount-Kette Lidl rüstet ihre Filialen teilweise wieder zur Überwachung mit Videokameras aus. Gestartet wird diesen Sommer, bis zum Jahresende könnten bis zu 200 Geschäften in Deutschland mit Kameras ausgestattet sein. Notwendig sei der punktuelle Einsatz der Videotechnik, weil immer wieder Einbrüche und Überfälle passierten, nicht unbedingt mit steigender Tendenz, aber doch in großer Zahl. „In den vergangenen fünf Jahren waren das mehr als 600 Fälle. Und da ging es nicht nur um Sachbeschädigung. In jedem dritten Fall wurden Mitarbeiter bedroht und sogar verletzt. Manche Filialen waren auch mehrfach betroffen“, sagte der für Recht und Datenschutz zuständige Lidl-Geschäftsführer Marcel von Haber dieser Zeitung. Daher sei der Wunsch aus der Belegschaft gekommen, die Filialen zu schützen. Auch von den Behörden habe es Fragen gegeben. „Manchmal können die Ermittler gar nicht glauben, dass wir keine Kameras haben“, berichtet der Lidl-Geschäftsführer.

Aktuell gibt es nirgends in den 3200 deutschen Lidl-Filialen eine Videoüberwachung. Das hängt mit einem Bespitzelungsskandal zusammen, der im Jahr 2008 ans Licht kam. Damals stellte sich heraus, dass in zahlreichen Filialen versteckte Kameras installiert waren, die über lange Zeit persönliche und sensible Informationen sammelten. Lidl musste für den Datenmissbrauch ein Bußgeld von 1,5 Millionen Euro zahlen und reagierte zudem mit dem Abbau aller Kameras.

Speicherung von Daten bis zu 48 Stunden

Jetzt soll alles anders sein, verspricht von Haber. Damals seien die Überwachungsaktionen von den Regionalverantwortlichen eigenmächtig gesteuert worden, ohne Einwilligung der Zentrale. Mittlerweile aber habe man systematisch ein Sicherheitskonzept erarbeitet, sagt Haber. Der Einsatz der Technik sei in enger Abstimmung mit dem Datenschutzbeauftragten des Landes Baden-Württemberg entwickelt worden, betont er. Wo die Kameras eingesetzt würden, geschehe dies in enger Abstimmung mit den Beschäftigten, die auch entsprechend geschult würden.

Künftig sollen die Kameraaufzeichnungen tatsächlich der Aufklärung von Straftaten dienen, indem der Tathergang rekonstruiert oder sogar Personen auf den Videos identifiziert werden können. Dazu sollen die Daten bis zu 48 Stunden gespeichert werden. Freigegeben werden können sie nur durch ein Passwort, das wiederum erst nach Anforderung von Behörden durch die Lidl-Zentrale freigegeben wird.

Einbruchmeldeanlagen und elektronische Tresorschlösser

Bis zu zwölf Kameras werden pro Filiale installiert, je nach Gefährdungslage nur im Außenbereich oder auch in der Filiale sowie am Tresor. Was an welchem Ort notwendig ist, wird durch die jeweiligen Filialverantwortlichen eingeschätzt und durch den externen Datenschutz-Experten Christian Borchers geprüft. Manchmal reicht es schon, wenn in unmittelbarer Umgebung einer Lidl-Filiale etwas Besorgniserregendes passiert ist, damit diese als gefährdet gilt. Straftaten bei dem Discounter direkt habe es quer durch die Republik gegeben, durchaus auch in ländlichen Regionen, aber natürlich vor allem in Ballungsgebieten, sagt von Haber: „Wenn eine Filiale vier mal überfallen wurde, kommt natürlich der Wunsch auf, etwas zu tun.“ Generell werde aber überprüft, ob es zur Abschreckung auch „mildere Maßnahmen“ als Videoüberwachung gebe. Als solche gilt unter Datenschützern unter anderem der – bisher teilweise schon praktizierte – Einsatz von Sicherheitspersonal im Eingangsbereich.

Zur Dauereinrichtung sollen die Kameras nicht werden. Nach jeweils zwölf Monaten soll der Datenschutzbeauftragte prüfen, ob die Videoüberwachung noch notwendig ist. Zum Sicherheitskonzept von Lidl gehören bisher schon Einbruchmeldeanlagen, elektronische Tresorschlösser und nicht zuletzt regelmäßige „Kassenabschöpfungen“, wie das im Branchenjargon heißt: spätestens bei Schichtwechsel ist jede Kasse wieder leer.

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