„Das Schlimmste wäre, wenn Mamas Tod sinnlos war“

Published 11/06/2017 in Gesellschaft, Menschen

„Das Schlimmste wäre, wenn Mamas Tod sinnlos war“
Will keine Rache: Alessandra Clemente setzt sich für Mafia-Opfer ein.

Vor 20 Jahren trafen Kugeln der Camorra die Mutter der zehnjährigen Alessandra Clemente. Sie wurde ein zufälliges Opfer der neapolitanischen Mafia. Wie geht ihre Familie damit um?

Zwanzig Jahre sind die Erinnerungen alt, aber das Rot des Blutes ist noch kein bisschen verblasst. Es war Anfang Juni, das Schuljahr fast vorbei, und Alessandra hatte ein paar Tage frei, um sich auf die Abschlussarbeiten vorzubereiten. Sie war zehn Jahre alt. Und als ihre Mutter mittags losging, um ihren Bruder Francesco aus dem Kindergarten abzuholen, blieb sie allein daheim. Es ging ja nur um ein paar Minuten.

Sie lebten damals in Arenella, einem guten Wohnviertel über dem Zentrum von Neapel. Ganz oben, im neunten Stock eines Wohnblocks. Und als Alessandra plötzlich ein lautes Donnern hörte, lief sie zum Balkon, um runter auf die Straße zu schauen. Ein Autounfall, dachte sie kurz. Doch dann sah sie schon ihre Mutter auf dem Pflaster liegen. In einer großen Lache Blut.

„Ich wollte zu ihr rennen. Ich wollte sie umarmen“, erzählt Alessandra Clemente. „Ich stand unter Schock. Ich nahm die Treppe. Irgendwann unterwegs haben mich Nachbarn aufgehalten.“

46905592 In dieser Straße wurde vor 20 Jahren die Mutter der damals zehnjährigen Alessandra Clemente erschossen.

Dreißig Jahre alt ist Alessandra Clemente heute. „Es sind Erinnerungen eines Kindes, aber noch immer völlig klar.“ Sie ist Dezernentin der Stadt Neapel für Jugendpolitik und seit kurzem auch für Sicherheit. Sie hat das runde Gesicht ihrer Mutter, hell und offen. Der Schmerz, von dem sie erzählt, ist ihr nicht anzusehen. „Das Schlimmste wäre, zu denken, dass der Tod von Mama völlig sinnlos war.“

Alle Beteiligten und Hintermänner konnten verurteilt werden

Silvia Ruotolo, Alessandras Mutter, war ein Zufallsopfer der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Zur falschen Zeit am falschen Ort, könnte man sagen. Doch damit würde man den Mördern die Verantwortung nehmen, die mitten auf der belebten Salita Arenella 41 Schüsse abfeuerten. Und den Bossen, die sie beauftragt hatten.

In den Wochen nach der Tat zogen Alessandra, ihr Bruder und ihr Vater zu Freunden. Polizisten bewachten das Haus, schließlich war Francesco an der Hand seiner Mutter gegangen und hatte die Täter gesehen. Er war schwer traumatisiert. In der Schule schrieb er Jahre später: „Mama ist schlecht. Sie hat mich allein gelassen.“

46905593 Eine Gedenktafel erinnert an Siliva Ruotolo.

Weil einer der Mörder gefasst wurde und auspackte, konnten in einem langen Prozess alle Beteiligten, auch die Hintermänner, verurteilt werden. Sie gehörten zum Clan der Alfano, und das eigentliche Ziel der Schüsse waren zwei Männer des Caiazzo-Cimmino-Clans gewesen, mit denen sie sich um das einträgliche Geschäft von Schutzgelderpressung und Wucherei im Viertel gestritten hatten. Sie bekamen lebenslang. Doch die erhoffte Erleichterung blieb aus. „Das hat mir meine Mama auch nicht zurückgebracht“, sagt Alessandra Clemente. „Das war für mich mit keinerlei positiven Emotionen verbunden.“

Eine Stiftung für junge Mafiamitglieder, die aussteigen wollen

Mit dem Geld, das die Familie als Mafia-Opfer vom Staat bekam, gründete ihr Vater eine Stiftung und gab ihr den Namen Fundazione Silvia Ruotolo. Das Ziel: jungen Mafiamitgliedern einen Ausweg aus der Kriminalität aufzuzeigen. Einer der Orte: das Jugendgefängnis Nisida, auf einer kleinen Insel vor der Stadt, in dem auch einer der Mörder von Alessandras Mutter eine Zeitlang eingesessen hatte.

Alessandra selbst begann ebenfalls sich zu engagieren. Einmal pro Woche fuhr sie nach Nisida, um dort mit den jungen Camorristi Theater zu spielen, Filme zu drehen, Musik zu machen. Und um mit ihnen über ihre Geschichte zu sprechen. „Sie haben mich respektiert, weil sie meinen Schmerz respektieren“, sagt Clemente. „Ihre Aggressivität resultiert ja aus den vielen schmerzhaften Erfahrungen, die sie als Kinder selbst gemacht haben.“

46906781 Mafiaopfer Silvia Ruotolo

Die Jugendlichen waren irritiert, dass Clemente ihnen nicht mit Hass begegnete. Rache war für sie Teil der Kultur, die sie von klein auf erlebt hatten. Viele von ihnen stammten aus den trostlosen Vorstädten Neapels oder den heruntergekommenen Altstadtquartieren. Doch das Problem der Camorra, sagt Clemente, stecke viel tiefer als nur in materieller Armut. „Camorra ist auch eine Frage der Identität.“ Weitergegeben vom Vater an den Sohn an den Enkel. Das Gefängnis sei für viele kein furchterregender Ort, sondern mit positiven Kindheitserinnerungen verbunden – weil sie dort ihre Väter getroffen hätten. „Dieser Teufelskreis muss unterbrochen werden“, sagt Clemente. „Und dafür muss den Jugendlichen klarwerden, dass das kein vorgeschriebener Weg ist, den sie gehen, sondern ihre eigene Entscheidung.“

Alessandra wurde Dezernentin für Jugendpolitik

Alessandra Clemente selbst wollte Richterin werden. Sie studierte Jura. Doch im Lauf der Semester wurde ihr klar: Sie will nicht diejenige sein, die urteilt, die bestraft. Die Arbeit in Nisida machte ihr Spaß: erziehen, einen Ausweg finden, die Rolle der Lehrerin ausüben – in der sie auch ihre Mutter einst erlebt hatte.

46905637 Dieser kleine Park trägt den Namen von Silvia Ruotolo. An diesem Sonntag wird ihr hier gedacht.

Durch ihr Engagement in Nisida lernte sie Bürgermeister Luigi de Magistris kennen. Er bot ihr an, Dezernentin für Jugendpolitik zu werden. Da war Clemente 25 Jahre alt, die jüngste Dezernentin einer italienischen Großstadt. Und jetzt, mit 30, hat sie auch noch die Verantwortung für die Sicherheit dazubekommen. „Für mich war das eine Möglichkeit, weiterhin zu tun, was ich schon vorher getan habe. Nur mit einem viel stärkeren Megafon.“

Den Schlüssel im Kampf gegen die „Kultur der Camorra“ sieht Clemente in einem viel stärkeren Engagement des Staates: Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Sportmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung. „Der Staat muss wie eine große Mama sein. Auch für den Schlechtesten der Klasse.“

Nach Nisida kommt Clemente inzwischen nur noch alle paar Monate. Aber sie hat Kontakt zu einigen ehemaligen Häftlingen, die den Weg aus der Kriminalität gefunden haben. Das gibt ihr Kraft, das gibt dem sinnlosen Tod ihrer Mutter einen Sinn. „Das hilft mir, mit meiner Wut, meinem Schmerz und meinen Tränen umzugehen.“ Auch an diesem Sonntag, wenn in einem kleinen Park mit dem Namen „Garten Silvia Ruotolo“ an ihre Mutter erinnert wird. Nicht weit von der Stelle, an der sie am 11. Juni 1997 erschossen wurde.

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