Kleine mit großer Last

Published 06/06/2017 in Gesellschaft, Gesundheit

Kleine mit großer Last
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland Familienangehörige pflegen, ist längst nicht so gering wie häufig angenommen.

Jugendliche und Kinder, die Angehörige pflegen, finden kaum Unterstützung – obwohl ihre Zahl längst nicht so klein ist wie oft angenommen. Am ehesten kann man sie über soziale Netzwerke erreichen.

Während ihre Kommilitonen mittags in die Mensa gehen, füttert Tabitha Maria Scheuer erst ihre Eltern, bevor sie selbst zum Essen kommt. Sie kümmert sich um die Medikamente und Körperpflege, ums Mobilisieren und Waschen, ums Eincremen und das Versorgen von Wunden. Tabitha ist 21 Jahre alt und studiert Betriebswirtschaftslehre, allerdings mehr oder weniger nebenbei. Denn hauptsächlich kümmert sie sich rund um die Uhr um ihren krebskranken Vater und ihre Mutter, die multiple Sklerose hat.

Tabitha gehört zu einer Gruppe von pflegenden Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung und in der zum Teil zurzeit kontroversen Diskussion um Pflegezeiten, Pflegegesetze und Pflegenotstand kaum vorkommen. Dabei ist es eine Gruppe, die längst nicht so klein ist, wie vielleicht häufig angenommen wird. Es geht um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre Familienmitglieder pflegen.

Die Aufmerksamkeit beim Thema pflegende Angehörige richtet sich bislang fast ausschließlich auf längst erwachsene Kinder und Partner alter Menschen. Über sie wird bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesprochen, für sie gibt es Selbsthilfegruppen und politische Initiativen. Dass auch junge Menschen bei der Pflege und Versorgung von Angehörigen mit- oder sogar hauptveranwortlich sind, ist wenig bekannt. Das hat unterschiedliche Gründe.

Wer ein Young Carer ist, wird unterschiedlich definiert

Zum einen nehmen sich einige von ihnen selbst nicht als Pflegende wahr, zum anderen sprechen die meisten nicht darüber, dass sie in jungen Jahren andere pflegen. Teilweise schämen sie sich dafür, teilweise finden sie schlichtweg keinen Ansprechpartner, keine Anlaufstelle. Auch deswegen gibt es kaum Zahlen und Informationen über die sogenannten „Young Carers“.

Anfang dieses Jahres hat das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) die Ergebnisse einer ersten deutschen repräsentativen Studie veröffentlicht, nach der fünf Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren regelmäßig pflegerische Aufgaben übernehmen. Hochgerechnet wären dies etwa 230.000 der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland. Internationalen Schätzungen zufolge sind etwa zwei bis vier Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den westlichen Ländern pflegende Angehörige. Sie kümmern sich regelmäßig um alte, behinderte oder chronisch kranke Familienmitglieder, manche eher unterstützend, andere rund um die Uhr. Die Dunkelziffer an Betroffenen dürfte hoch sein.

Wer ein Young Carer ist, wird international unterschiedlich definiert. Während in Australien oder Neuseeland junge Erwachsene bis 25 Jahre dazugehören, bei denen Berufseinstieg und Familiengründung wichtige Themen sind, sind deutsche Zahlen meist auf Minderjährige bezogen. Auch die Frage, wann aus Helfen und Unterstützen ein Pflegen wird, wird nicht einheitlich beantwortet.

„Die Grenzen sind fließend“, sagt die Pflegewissenschaftlerin Sabine Metzing. An der Universität der Professorin in Witten/Herdecke wird derzeit eine großangelegte Studie zu Young Carers durchgeführt, für die erste Ergebnisse im Herbst erwartet werden. Um als pflegend zu gelten, gehört in der Studie deutlich mehr dazu, als ab und an im Haushalt mitzuhelfen – beispielsweise zusätzlich Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme, Mobilisierung und Ernährung.

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