Gier und Verbrechen

Published 23/04/2017 in Wirtschaft, Wirtschaftswissen

Gier und Verbrechen
Der Finanzhai Gordon Gekko (Michael Douglas) im Film „Wall Street“ verkörpert die Gier wie kaum ein Zweiter.

Habgier war offenbar das Motiv für den Anschlag auf das Fußballteam von Borussia Dortmund. Aber so verstörend die Tat ist: Gier ist in unserer Wirtschaftsordnung erwünscht. Und nun?

Nun war es also Habgier. Kein islamistischer Angriff auf unsere Lebensführung, kein Akt der Einschüchterung ausländischer Terrorbanden, sondern ein Anschlag aus dem Innersten der westlichen Gesellschaftsordnung: dem Kapitalismus. Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen die bittere Erkenntnis: Ein deutschrussischer Spekulant, 28 Jahre alt, mittelgroß und breitschultrig, wollte Fußballprofis töten, um damit ein Vermögen zu machen. Wäre es ihm gelungen, wäre es nicht nur Totschlag, sondern Mord. Mord aus Habgier.

Es ist bemerkenswert, welches Frösteln diese Erkenntnis auslöst, fast als wäre nach den drei am Tatort gezündeten eine vierte Bombe hochgegangenen. Islamistischer Terror ist grauenhaft genug, und wir haben uns keineswegs an ihn gewöhnt, aber er ist in seinem religiösem Eifer so entartet, dass es leichtfällt, sich davon abzusetzen. Da muss man nur die 72 Jungfrauen zitieren, die angeblich auf den erfolgreichen Attentäter nach seinem Märtyrer-Tod warten, um die ganze anstößige Fremdheit zu beschreiben.

Habgier dagegen ist Auswuchs einer sehr vertrauten Wirtschaftsordnung, die abstoßend-faszinierende Lebensentwürfe produziert wie jenen des Gordon Gekko, der skrupellosen Hauptfigur in dem Kultfilm „Wall Street“. „Jedes Motiv für eine solche Tat ist abscheulich“, versicherte Bundesjustizminister Heiko Maas am Freitag, nur um dann doch implizit unterschiedliche Eskalationsstufen zu identifizieren. „Sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft.“ Erleichterung machte sich allenfalls breit, weil der Täter endlich gefasst ist und viele Details als „ausermittelt“ gelten. Bald schon kann der Verdächtige vor Gericht gestellt werden. Wenigstens das.

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De Maizière zur Festnahme nach BVB-Anschlag: „Widerwärtige Form von Habgier“

In der griechischen Mythologie war Habgier eine Narretei

Um unser Unbehagen gegenüber der Habgier zu erklären, muss man weit in unsere christlich geprägte Vergangenheit zurückgehen. Noch in der griechischen Mythologie war Habgier eher eine menschliche Schwäche, eine Narretei, die sich selbst entlarvte. So beschreibt es der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem „Buch der Laster“, erschienen im C.H. Beck Verlag. König Midas wünscht sich nichts sehnlicher, als dass alles, was er berührt, zu Gold wird. Als ihm dies gelingt, merkt er schnell, wohin das führt – zu Hunger und Durst. Kaum berührt er das Brot, wird es zu Gold, kaum trinkt er aus seinem Becher, wird das Wasser zu flüssigem Gold. Der Herzenswunsch erweist sich als Fluch, von dem er bald befreit wird. Der Gott Dionysos ist bereit, ihn davon zu erlösen- in einem Fluss kann er sich den Zauber abwaschen. „Das Verfehlen des guten Lebens war Strafe genug und bedurfte keiner weiteren Sanktion“, schreibt Sofsky.

Die religiöse Verdammung der Habgier dagegen war weniger nachsichtig. Habgier ist seitdem nicht nur Laster, sondern „Todsünde“. Kein Besitz sollte von Gott ablenken. ähnlich schlecht bestellt war es übrigens um die „Neu-Gier“, jenen unstillbaren Wissensdurst, der von der göttlichen Weisheit ablenkt. Als Kampfbegriff gegen die antike Philosophie war die „Neu-Gier“ einst geschaffen worden.

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