Zangenangriff live

Published 10/05/2017 in Ausland, Politik

Zangenangriff live
Die iranischen Präsidentschaftskandidaten Mostafa Mir-Salim, Hassan Rohani, Mohammed Bagher Ghalibaf, Eshagh Dschahangiri und Ebrahim Raisi in der Debatte am 28. April

Das staatliche iranische Fernsehen zensiert sogar Live-Sportübertragungen. Doch vor Wahlen passiert das Unmögliche: Fernsehdebatten werden zur seltenen Möglichkeit, das Unaussprechliche zu verraten.

Dass in Iran nicht alles gesagt werden darf, vor allem in der Öffentlichkeit, ist keine Neuigkeit. Der ganze Staatsapparat ist ununterbrochen damit beschäftigt, mit Hilfe von Zensur und Kontrolle ein homogenes Bild des Systems darzubieten. In der Zeit vor der Präsidentenwahl wird aber die Regel des Spiels kurzfristig dekonstruiert, und zwar im staatlichen Fernsehen, wo sonst sogar die Live-Sportübertragungen zensiert werden. Doch in den Fernsehdebatten werden auf einmal Sachen gesagt, die normalerweise in Iran hinter geschlossenen Türen gesagt werden.

2009 gab es erstmals Fernsehdebatten in Iran, und zwar live und zu zweit. Damals standen vier Kandidaten zur Wahl. Wesentlich war die Debatte zwischen Mir Hossein Mussawi, dem Anführer der „Grünen Bewegung“, und Mahmud Ahmadineschad, dem damaligen Präsidenten. Die Presse berichtete nachher, dass während der Debatte die Straßen Teherans fast leer waren. Viele wollten sehen, was in einer TV-Debatte ohne Zensur gesagt wird, vor allem Ahmadineschad gegenüber, der innerhalb seiner Regierungszeit einfach Fragen mit Gegenfragen beantwortete oder unfassbare Sachen behauptete, etwa wie eine 16-Jährige in ihrer Wohnung Atomenergie produziert hätte, oder dass es in Iran keine Homosexuellen gäbe. Die Debatte kam zu ihrem Höhepunkt, als Mussawi auf einmal die Zuschauer ansprach und sagte: „Liebe Leute, wir haben mit einem Phänomen zu tun, das einfach in die Kamera schaut und lügt. Genau damit muss in diesem Land aufgehört werden.“ Das war ein Moment der Wahrheit, wo die Löcher im System für eine kurze Zeit offensichtlich wurden.

Die Live-Sendung als Gelegenheit, Geheimnisse zu verraten

Vier Jahre später, vor der Präsidentenwahl 2013, gab es keine Debatte zu zweit mehr, dafür drei in Anwesenheit aller damaligen acht Kandidaten, darunter der moderate Hassan Rohani und der konservative Teheraner Oberbürgermeister Mohammad Bagher Ghalibaf. Weil man mehr Kontrolle über die Live-Debatten ausüben wollte, mussten die Kandidaten auf die formellen Fragen des Moderators zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen antworten, wobei etliche das eben nicht machten und die Live-Sendung zum Anlass nahmen, Geheimnisse des Systems zu verraten.

46229129 Ein Bild des iranischen Präsidentschaftskandidaten Ebrahim Raisi auf einer Wahl-Rallye in Teheran.

Ghalibaf, der früher der Leiter der Ordnungskräfte war, machte den ersten Schritt. Um sich beliebt zu machen, sprach er über die Studentenproteste im Jahr 1999 in Teheran. Jahre später wollten die Studenten am Jahrestag der blutigen Niederschlagung ein Erlaubnis zur Versammlung bekommen. Er als Chef der Ordnungskräfte sei dafür gewesen, verriet Ghalibaf in der Debatte, Rohani als damaliger Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates dagegen. Rohani war damals noch kaum bekannt, seine Reaktion auf diese Aussage machte ihn berühmt. Er wollte nicht alles zum Ausdruck bringen, sagte Rohani, „aber da waren Sie dafür, dass die Studenten sich versammeln, weil Sie eigentlich einen Zangenangriff auf sie vorhatten!“ Ab diesem Punkt war Ghalibaf der größte Verlierer jener Wahl. Der Hashtag #zangenangriff ist seitdem mit seinem Namen verbunden. Für Rohani dagegen wurde jene Debatte zu einem der wichtigsten Faktoren seines Sieges bei der letzten Wahl.

Heute stehen sechs Kandidaten zur Präsidentenwahl am 19. Mai in Iran, darunter Ebrahim Raisi, der Kandidat der Extremisten und Ultrakonservativen, Ghalibaf, Rohani und sein erster Vizepräsident Eshagh Dschahangiri. Letzte Woche fand die erste Fernsehdebatte statt, live, ähnlich wie die im Jahr 2013, was die Form der Debatte angeht, wobei es angeblich Versuche gab, dass die Debatten dieses Jahr nicht mehr live übertragen werden. Die Debatte fing an, wo sie vor vier Jahren endete. Ghalibaf, der scheint, nichts mehr zu verlieren zu haben, versuchte sich als Kopie des populistischen Ahmadineschad. Er wolle dreimal so hohe Subventionen an die Leute verteilen, in erster Linie an die ärmeren. Er behauptete, die Regierung Rohanis diene nur vier Prozent der Bevölkerung, nämlich den Reichen. Vor allem griff er Rohanis Vizepräsidenten an, er sei nicht als Gegenkandidat da, sondern als Unterstützung für Rohani.

Der Kampf zwischen dem Teheraner Rathaus und der Regierung

Dieses Mal war es Dschahangiri, der die Debatte nutzte, um Unaussprechliches zu äußern. Er sei klar der Kandidat der Reformer, betonte er – und teilte seinerseits gegen Ghalibaf aus. Am meisten Punkte machte er mit Andeutungen über Ghalibafs Verbindung zu Hintermännern des Anschlags auf die Saudi-Arabische Botschaft in Teheran im Januar 2016, der zum Abbruch der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern geführt hatte. „In welcher Kampagne sind jetzt diejenigen aktiv, die die Botschaft von Saudi-Arabien attackierten?“, sprach Dschahangiri Ghalibaf an. Mit brutalen Aktionen und Zangenangriffen könne man nicht regieren, fügte er hinzu, und wies auf die aggressiven Angriffe der Ordner vom Rathaus gegen Straßenverkäufer hin. Am Tag darauf tauchte Dschahangiris Name in den Schlagzeilen der Zeitungen auf. In Sozialnetzwerken nannte man ihn den besten Verteidiger aller Zeiten, neben Boateng, Sergio Ramos und Chiellini! Man sagt, er würde bald zugunsten Rohanis auf seine Kandidatur verzichten, was vor vier Jahren der andere Kandidat der Reformer Mohammad Reza Aref gemacht hat.

Im Endeffekt wurde die erste Debatte zum Kampfgebiet zwischen dem Teheraner Rathaus und der Regierung. Als Dschahangiri dann den Oberbürgermeister tadelte, er hätte nach zwölf Jahren im Amt noch nicht geschafft, den Müll vor Haustüren zu trennen, behauptete Ghalibaf, sie könnten sogar aus Müll Strom erzeugen. In den sozialen Netzwerken kursierte daraufhin sofort der Witz, diejenige 16-Jährige, die unter Ahmadineschads Atomenergie produzierte, erzeuge jetzt anscheinend Strom aus Müll im Rathaus!

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