Die jungen Alten – alles noch möglich? (Wh.)

Published 26/08/2016 in Familie, Gesellschaft, Gesundheit, Menschen

Die jungen Alten – alles noch möglich? (Wh.)

Von wegen grau, faltig und altersmüde – sie sind lebenshungrig, konsumorientiert und voller Träume! Statt sich auf ihren verdienten Ruhestand zurückzuziehen, wollen es immer mehr junggebliebene Alte nochmal so richtig wissen. Viele erwecken den Anschein, dass ihr fortgeschrittenes Alter hierbei nicht nur völlige Nebensache, sondern sogar ein Pluspunkt ist: Lebenserfahrung gepaart mit Finanzpolster und einer unbändigen Lust am Leben.

Wo früher in der Apotheke nach Franzbranntwein für Gelenkschmerzen gefragt wurde, verlangt die Best-Ager-Generation heute nach der blauen Pille, die das Liebesleben wieder auf Hochtouren bringen soll. Statt der rentnerbeigen Windjacke über der grauen Übergrößen-Flanellhose trägt die dynamische, schlanke Endsechzigerin heute durchlöcherte Jeans und bunte Sneakers. Ebenso ist der gediegene Skatabend passé – dafür steht im überfüllten Terminkalender bereits der nächste Trip mit der neu erworbenen Harley Davidson.

Bekanntlich kommt das Beste ja zum Schluss – aber: Wo beginnt purer Egoismus, wo endet das Verständnis für die Selbstverwirklichung der neuen Alten? Was sind die Chancen, was die Risiken in einer Gesellschaft, die immer älter wird? Zwingt der Jugendwahn förmlich zu einem aktiven Alter oder hat man auch das Recht, sich auf den erworbenen Lorbeeren auszuruhen?

Die Gäste:

Sylvia Bollhorn – Wenig Schlaf, Windelnwechseln und Fläschchengeben – damit hält sich die 55-jährige Sylvia Bollhorn auf Trab. Denn trotz fortgeschrittenen Alters erfüllte sich die Hamburgerin ihren Traum vom späten Babyglück. Nach vielen erfolglosen Versuchen stellte sich dieses Jahr dank einer ukrainischen Leihmutter bei Sylvia Bollhorn der Kindersegen ein – und das gleich im Doppelpack: „Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich kann meinen Zwillingen alles bieten und bin in meinem Alter entspannter als so manch junge Mutter.“

Für Egon Madsen ist ein Leben ohne Tanz unvorstellbar. Bereits Ende der 60er Jahre wurde er unter dem Ballettchef John Cranko zur Stuttgarter Tanzlegende und zählt bis heute zu den ganz Großen der internationalen Ballettszene. Der gebürtige Däne tanzt auch noch mit 73 auf der Bühne: „Ich habe keine Zeit, mir über mein Alter Gedanken zu machen. Ich lasse mich ständig auf neue Ensembles ein, lerne immer wieder Neues dazu. Der Tanz hält mich jung.“

„Nicht alles, was machbar ist, muss auch vernünftig sein. Ich kenne viele konsumversessene egoistische Alte, die ohne jede Form der Selbstbegrenzung alles in Anspruch nehmen“, sagt Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer. Der Soziologe verweist aber gleichzeitig auch auf die vielen Alten, die sich in sozialen Projekten engagieren und warnt davor, das Wissen der älteren Generation in einer digitalisierten und schnelllebigen Gesellschaft zu entwerten.

Fallen gelassen – so fühlte sich Eveline Ruf, nachdem ihr Mann sie nach der Silberhochzeit für eine deutlich Jüngere verließ: „Ich konnte es einfach nicht begreifen und war tief verletzt. Ich dachte immer, mein Mann und ich werden gemeinsam alt und genießen unseren Ruhestand“. Es verging viel Zeit, bis die Österreicherin den Trennungsschock verarbeitet hatte. Obwohl die pensionierte Lehrerin die Hoffnung auf ein neues Liebesglück noch nicht aufgegeben hat, musste sie die Erfahrung machen, dass eine Partnersuche im fortgeschrittenen Alter auch mit einigen Hindernissen verbunden ist.

Elke Koska wurde übers Internet fündig – bei einem deutlich jüngeren Mann aus Ghana namens Napoleon. Sie schwärmt von seinen Vorzügen: „Er trägt bunte Kleider und Rasta-Haare bis zur Taille. Und hat einen super erotischen Körper.“ Aber nicht nur in der Liebe lebt die Künstlerin jenseits aller Konventionen. Elke Koskas Lebensmotto: Grell und schrill – trotz oder vielleicht gerade wegen ihres Alters, aus dem sie ein Geheimnis macht. „Ich lebe heute immer noch wie ein junges Mädchen. Wieso sollte man im Alter nicht flippig sein?

Nochmal richtig Gas geben im Alter – auchPeter Stützer würde das liebend gerne. Doch mit 50 traf den ehemaligen VOX-Moderator eine Diagnose, die sein Leben und seinen Blickwinkel aufs Alter veränderte: Parkinson. Jahrelang versuchte er, die Krankheit zu verheimlichen, bis ein Outing unvermeidbar war. „Das Zittern wurde stärker, meine Mimik maskenhafter und ich immer bewegungsloser.“ Dankbar ist der 61-Jährige vor allem seiner Partnerin, die stets zu ihm hält und seinen Alltag so gut wie möglich erleichtert.

Das kann doch wohl nicht alles gewesen sein“, sagte sich Susann Till kurz vor ihrem 70. Geburtstag. Obwohl sie ein Jahr zuvor noch einen Schlaganfall hatte, wagte die ehemalige Schneiderin einen Neustart. Sie gründete eine Feinkost-Manufaktur mit selbst kreierten exotischen Chutney-Saucen. Angst vor der neuen Herausforderung im hohen Alter hatte die gebürtige Schwäbin nie, denn mit der Firmengründung konnte sie ihren lang gehegten Traum verwirklichen und ihr Hobby zum Beruf machen.

Wiederholung vom 16. Oktober 2015

Quelle: http://www.swr.de/nachtcafe/rueckschau/sendung-am-26-die-jungen-alten-alles-noch-moeglich/-/id=2249778/did=16099252/nid=2249778/58ljad/

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