Alzheimer-Therapie: „Es ist schon ein Durchbruch“

Published 23/07/2015 in Medizin, Wissen

Ist das die Wende im Kampf gegen die gefürchtete Alzheimer-Krankheit? Erstmals konnten amerikanische Pharmaforscher bei Demenzpatienten die Zerstörung des Gedächtnisses messbar verlangsamen – mehr aber auch nicht.

Wenn es Jahre lange dunkel ist um einen herum, stockdunkel, dann sieht pl&ouml-tzlich jedes Leuchten im tiefen Verlies so aus, als h&auml-tte jemand endlich die T&uuml-r aufgesto&szlig-en. Einen Spaltweit wenigstens. Das w&auml-re schon der Hoffnungsschimmer, wie ihn sich die Alzheimerforschung w&uuml-nscht – wie sich das jede Gesellschaft w&uuml-nschen sollte. Denn die Alzheimerkrankheit, der unaufhaltsame, zerst&ouml-rerische Verlust des Ged&auml-chtnisses und der Pers&ouml-nlichkeit, breitet sich umso unbarmherziger aus, je &auml-lter die modernen V&ouml-lker werden: 44 Millionen sind es heute schon weltweit, bis Mitte des Jahrhunderts wird sich die Zahl der Alzheimerkranken verdreifachen.

Nun also ein Licht. Auf der Tagung der internationalen Alzheimer-Gesellschaft in Washington pr&auml-sentierte die amerikanische Pharmafirma Eli Lilly neue Daten zu einer laufenden Patientenstudie mit dem humanisierten M&auml-use-Antik&ouml-rper „Solanezumab“. Schon in Nizza vor ein paar Monaten hatte die erste Pr&auml-sentation dieser Studie Funken der Hoffnung erzeugt. Und das nach der Erfahrung der absoluten Dunkelheit. Denn nachdem man im Jahr 2012 mit dem Antik&ouml-rper in einer sehr heterogenen Gruppe von zweitausend leicht- bis mittelstark kognitiv beeintr&auml-chtigten Patienten statistisch keinerlei Effekte ermittelt hatte, wurde der Antik&ouml-rper nach der Ver&ouml-ffentlichung im „New England Journal of Medicine“ von vielen schon in die Reihe der Rohrkrepierer eingeordnet.

Nun also die ersten messbaren Verbesserungen: In den standardisierten Alzheimertests schnitten die aus der Ursprungskohorte herausgepickten Patienten mit einer milden Demenz – „mild cognitive impairment“ – merklich besser ab. Wem die Krankheit schon einen Gro&szlig-teil des Ged&auml-chtnisses geraubt hat, dem ist offensichtlich nicht zu helfen. Anders im Fr&uuml-hstadium – wenn wenigstens noch vierzig Prozent der Hirnzellen funktioniert. Das ist oft ein oder zwei Jahrzehnte vor dem Auftreten deutlicher Demenzsymptome der Fall.

Alzheimer - Die Angst vor dem Verlust des «Ich»Darum geht’s: ein menschliches Gehirn.

In der neuen, der Folgestudie, wurden sechshundert Patienten im Fr&uuml-hstadium mit „Sola“ behandelt. Dass man mit dem Antik&ouml-rper tats&auml-chlich die Verursacher der Krankheit gebremst hat, n&auml-mlich die toxischen Amyloidbeta-Proteine, die f&uuml-r die Bildung der gef&uuml-rchteten Plaques und zum Absterben der Nervenzellen f&uuml-hren, ergibt sich f&uuml-r Studienleiter Eric Siemers von Eli Lilly aus dem Design der Studie. Denn die Gruppe der Behandelten bestand gut zur H&auml-lfte aus Patienten, die vorher ein Scheinmedikament, ein Placebo, erhalten hatten.

Nun also bekamen alle Patienten, wenn sie es denn w&uuml-nschten, den Antik&ouml-rper. Die H&auml-lfte von ihnen startete die Therapie eben nur anderthalb Jahre sp&auml-ter. Die &Uuml-berlegung dabei: Wenn man bei ihnen wie bei den zuvor schon mit Antik&ouml-rpern behandelten Patienten eine Verz&ouml-gerung des Ged&auml-chtnisabbaus feststellt und das Ausma&szlig- des Therapieeffektes in etwa auch diesen versp&auml-teten Beginn der Behandlung spiegelt, dann ist das f&uuml-r die Wissenschaftler ein wichtiger Hinweis: Das Mittel wirkt offenbar gegen die sch&auml-dlichen Protenine im Kopf. Tats&auml-chlich wurde genau das festgestellt – nach 28 Wochen Antik&ouml-rper-Behandlung, wie man in Nizza gezeigt hat, und auch nach 53 Wochen Therapie, wie das jetzt in Washington demonstriert wurde.

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