Die vergessene Krankheit

Published 02/12/2013 in Home, Medizin, Wissen

Die vergessene Krankheit

Im Allgäu und in Norddeutschland tritt die Rindertuberkulose wieder auf. Noch vor fünfzig Jahren wusste jedes Kind, dass man sich durch rohe Milch ansteckt. Jetzt greift eine neue Sorglosigkeit um sich.

Ein klarer Abend im Herbst, irgendwo in Norddeutschland. Der Bauernhof liegt direkt an einer Landstraße, auf der Berufstätige aus der nahegelegenen Stadt zurück nach Hause fahren, in ihre ländlichen Vororthäuschen. Nicht wenige stoppen plötzlich und biegen in einen holprigen Weg ein, auf den Schilder hinweisen: „Frische Milch vom Hof“. Dem Betrieb etwas vorgelagert steht ein Häuschen mit dem Schild „Milchtankstelle“, darin ein silberglänzender Automat, eine Küchenbank zum Ausruhen, eine Spüle und leere Milchflaschen. Für siebzig Cent sprudelt ein Liter kalte, rohe Milch von den Schwarzbunten des Betriebs aus einem Hahn. Ein Zettel in Klarsichthülle klebt am Automaten: „Rohmilch vor dem Gebrauch abkochen!“ steht da. Darunter werden zwar Paragraphen zitiert, aber trotzdem bleibt unklar: Ist das wirklich eine Vorschrift oder eher ein guter Rat? Immerhin stehen in einem Regal zwischen Spüle und Automat nicht nur leere Literflaschen mit Schraubdeckeln, sondern auch Becher und Gläser. Wie viele müde Städter wohl an diesem für die Jahreszeit warmen Abend nicht nur eine Flasche für zu Hause abfüllen, sondern auch rasch ein kühles Glas frische Milch hinunterstürzen?

Der Rohmilchverzehr boomt, mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem man in Deutschland begonnen hat, Milch durch Pasteurisierung zu entkeimen. Nicht nur das Naturerlebnis wie zwischen den norddeutschen Dörfern im genannten Beispiel lockt die Verbraucher, es sind auch Käsespezialitäten wie Camembert de Normandie, Roquefort oder Allgäuer Emmentaler, die man nur mit unerhitzter Milch herstellen kann. Vergessen sind die Gründe, warum man das Erhitzungsverfahren im Jahr 1947 flächendeckend einführte.

Vor allem Kinder betroffen

Pasteurisiert man die Milch, werden Keime abgetötet, die vom Rind auf den Menschen überspringen können. In den Jahren nach dem Krieg zielte man vor allem auf einen Erreger ab: Mycobacterium bovis, den Erreger der Rindertuberkulose. Er gehört zum Mycobacterium-tuberculosis-Komplex, zu den Keimen, die beim Menschen Tuberkulose auslösen können. In den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren zehn Prozent aller menschlichen Tuberkulosen durch den Erreger vom Rind verursacht. Jährlich starben etwa tausend Menschen an der Zoonose. Unter den tuberkulosekranken Kindern war sogar die Hälfte mit dem Keim vom Rind infiziert.

Das Pasteurisieren der Milch war ein wichtiger Teil einer Doppelstrategie, mit der es in den fünfziger Jahren gelang, die Seuche in Deutschland langfristig zurückzudrängen. Die zweite Säule der Strategie war das Testen aller Bestände auf Tuberkulose und das Keulen infizierter Rinder. Man betrieb dieses Programm jahrzehntelang so konsequent, dass die Bundesrepublik 1997 von der WHO offiziell für frei von Rindertuberkulose erklärt wurde. Seitdem hat man die regelmäßigen Kontrollen eingestellt. Nur noch auf dem Schlachthof werden die Organe der Tiere inspiziert. Noch heute erinnern an manchen alten Rinderställen Schilder an das Programm: „Staatlich anerkannter tuberkulosefreier Bestand“ steht in längst verblasster Schrift darauf.

Lokales Geschehen im Allgäu?

Doch in diesem Jahr hat die Vergangenheit die Milchwirtschaft und die Rinderhalter eingeholt – und auch die deutschen Verbraucher. Im Allgäu hatte man Ende 2012 bei der Untersuchung auf dem Schlachthof Rinder entdeckt, die mit dem Erreger Mycobacterium caprae infiziert waren, einer Unterart von M. bovis. Beide Typen können die Lymphknoten der Tiere charakteristisch verändern und sichtbare Knoten in der Lunge und anderen Organen bilden. Man entschied sich daraufhin in Bayern, alle Rinder in den alpennahen Landkreisen zu untersuchen. Seitdem wurden 49 Ausbrüche der Rindertuberkulose aus Bayern gemeldet, alle aus dem Allgäu. 148000 Rinder aus 3800 Betrieben untersuchte man insgesamt im Untersuchungsprogramm „Alpenkette“. 222 Rinder wurden positiv getestet. Der Infektionsweg scheint klar zu sein: „Es ist ein lokales Geschehen, das wahrscheinlich auf Kontakte zwischen Rindern und Rotwild auf den Almen zurückgeht“, erklärt Markus Schick, der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Einen definitiven Beweis gibt es noch nicht, aber Tests an erlegtem Rotwild in der Alpenregion ergaben ebenfalls Infektionen mit Mycobacterium caprae.

Doch inzwischen sind auch Fälle außerhalb des Allgäus bekanntgeworden, in Baden-Württemberg und Niedersachsen- die niedersächsischen Fälle stehen nicht mit denen im Allgäu in Verbindung, ergaben Typisierungen des Erregers. Entdeckt wurden die Ausbrüche auch, weil der Bundesrat im Juli eine Regelung verabschiedet hatte, derzufolge bis Ende April 2014 eine aussagekräftige Stichprobe aller mehr als 24 Monate alten weiblichen Rinder in Deutschland auf Tuberkulose untersucht werden soll. Bisher gab es jährlich etwa zwanzig Ausbrüche in Deutschland.

Wo man sucht, wird man fündig

Wegen der neuen Zahlen mehren sich nun Stimmen, die davon ausgehen: Wo man ihn sucht, dort findet man den Erreger auch. Schon in den Vorjahren war hin und wieder Tuberkulose auf dem Schlachthof entdeckt worden, etwa 2008 bei einer Kuh in Schleswig-Holstein. Nachdem man die Kontaktbetriebe des Bestandes gefunden hatte, wurden schließlich 135 infizierte Rinder auf elf Höfen entdeckt. Öffentlich blieben diese Fälle damals fast unbemerkt. Und die Behörden tolerieren ein „Hintergrundrauschen“- weniger als 0,1 Prozent der Bestände dürfen infiziert sein, ohne dass der Status „tuberkulosefrei“ einer Region gefährdet ist.

Über die Situation im Allgäu ist weit mehr nach außen gedrungen als über die Fälle aus dem Jahr 2008 im Norden Deutschlands. Experten glauben, dass das an der Art der Verwendung der Allgäuer Kuhmilch liegt. „Im Allgäu werden überproportional viel Rohmilch und Rohmilchprodukte hergestellt und verzehrt“, sagt Christian Menge, Leiter des Instituts für molekulare Pathogenese am Friedrich-Loeffler-Institut in Jena. „Daraus ergibt sich die ganze Diskussion, die jetzt geführt wird.“ Denn für die Weitergabe von Mycobacterium bovis an den Menschen gilt: „Mit Abstand die größte Bedeutung hat der Verzehr nichtpasteurisierter Milch“, sagt Menge. Dass man sich durch Kontakt zu Rindern anstecke, sei hingegen sehr unwahrscheinlich. Und auch rohes Rindfleisch, etwa Tatar, ist viel weniger riskant als rohe Kuhmilch. „Wenn der Erreger auch die Muskulatur befällt, muss ein Tier schon schwer betroffen sein“, sagt der Veterinärmediziner Menge. Das Bundesinstitut für Risikobewertung gab in diesem Jahr eine Erklärung zu der Gefahr heraus, die von infizierten Beständen für den Menschen ausgeht. Beim Käse komme es auf die Sorte, den Salzgehalt und die Reife- und Trocknungsdauer an, heißt es hier: „Bei Rohmilchweichkäse oder Frischkäse ist mit einer längeren Überlebensphase der Mykobakterien zu rechnen als bei Schnitt- oder Hartkäse.“ Der Verzehr von Hartkäse wie Emmentaler oder Bergkäse, der lange reift, sei mit einem geringen Risiko behaftet. Die Risikoexperten sehen wie auch Christian Menge insbesondere rohe Milch, etwa aus Hofautomaten, als gefährlich an.

Hinter dem heutigen Wissen über die Rindertuberkulose liegt eine lange Geschichte. Robert Koch warnte schon 1882, in dem Jahr, in dem er den wichtigsten Tuberkuloseerreger Mycobacterium tuberculosis entdeckte, in einem Vortrag vor Fleisch und Milch tuberkulöser Rinder und bezeichnete die Krankheit als „auf den Menschen übertragbar“. Jahrelang stritt man über die richtige Strategie, die Seuche auszurotten, und versuchte sich erfolglos an einer Impfung. Die Pasteurisierung der Milch wurde zunächst abgelehnt, weil man fürchtete, wichtige Vitamine zu zerstören. Milch galt als Heilmittel, „Milchkuren“ für Kleinkinder waren beliebt. Oft blieben Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung aus, obwohl man Hinweise auf die Seuche fand. So etwa 1896 im Zwickauer Schlachthof, als plötzlich auffiel, dass die Katzen des Betriebs, die mit der Milch der Schlachtkühe gefüttert wurden, an Tuberkulose litten.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch immer 60 Prozent der deutschen Rinderherden infiziert. 1952 begann man mit dem Bekämpfungsprogramm, für das die Rinder eine Spritze mit dem Antigen-Präparat Tuberkulin in die Unterhaut erhielten. Ein Anschwellen der Haut galt ab einer definierten Dicke als Zeichen einer Infektion und bedeutete, dass das Rind gekeult werden musste.

Probleme auf dem Schlachthof

Schon in den sechziger Jahren war Deutschland praktisch frei von Rindertuberkulose, getestet wurde aber weiter. Seitdem die WHO die Tuberkulosefreiheit 1997 bestätigt hat, verlässt man sich nur noch auf die sogenannte Passivüberwachung: Die Mitarbeiter von Schlachthöfen müssen auf charakteristische Veränderungen achten, wenn sie die Schlachtkörper untersuchen. „Die Schlachtkörperuntersuchung ist ein wichtiges Standbein“, sagt Menge. „Es gibt aber auch ein Problem dabei. Die Veränderungen können erst relativ spät entdeckt werden. Die Tiere sind eine ganze Weile infiziert, bevor sich die Lymphknoten verändern.“ Zudem sei der Erreger nach dem Eindringen in das Tier zunächst Monate oder sogar Jahre nur in einem einzigen Gewebe. „Die Gefahr, dass man genau an dem befallenen Lymphknoten vorbeischneidet, ist groß.“

Viele Kritiker sehen die in Bayern und zuvor schon in anderen Bundesländern hin und wieder am Schlachtband aufgefallenen Rinder als Zeichen dafür, dass eine hohe Dunkelziffer wahrscheinlich ist. Als warnendes Beispiel dient oft Großbritannien. „Man hat in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach die Rindertuberkulose in Großbritannien konsequent bekämpft und hatte dann sehr geringe Prävalenzraten“, sagt Christian Menge. „Aber ab den siebziger Jahren griff die Seuche dann, von Westengland ausgehend, wieder um sich. Es gibt in Großbritannien ein Wildtierreservoir für den Erreger, das vor allem beim Dachs liegt. Man hätte bei der Bekämpfung noch fünf, sechs Jahre weitermachen müssen, man hat zu früh wieder nachgelassen.“ Die Kurve der Erkrankungen bei den britischen Rindern stieg in den vergangenen Jahren kontinuierlich an, 2010 bog sie ab, seitdem bewegt man sich auf einem Plateau.

Menge hält die Regelung, in Deutschland zunächst Stichproben zu untersuchen statt großer Teile des Gesamtbestandes wie vor Jahrzehnten, für einen „guten Mittelweg“. Die Tiere werden mit dem Tuberkulintest untersucht. Ein schnelles Verfahren, mit dem etwa große Mengen an Blutproben gescreent werden können, ist noch nicht in Sicht. Zwar gibt es erste molekularbiologische Methoden, mit denen der Erreger nachgewiesen werden kann, aber, so Menge: „Wir erwarten keinen Durchbruch.“ In Jena hat man ein PCR-Verfahren entwickelt, das innerhalb von 72 Stunden nach Eingang der Probe im Labor ein Ergebnis liefert. Es bietet aber nur bei stark veränderten oder stark mit Erregern behafteten Geweben eine gute Sensitivität. Außerdem kann es nur nach der Tötung der Tiere angewendet werden.

Die Zahlen, die bis jetzt vorliegen, sieht Menge noch nicht als Beleg dafür, dass die Rindertuberkulose im Verborgenen grassiert. „Die Fälle in Niedersachsen standen miteinander in Verbindung. Ein Betrieb war betroffen, die anderen Ausbrüche waren Kontaktbetriebe.“ Den Erreger vollständig zu eliminieren, hält er ohnehin nicht für realistisch. Das Allgäu, sagt Menge, müsse man wegen des Kontakts zu Rothirschen in gewisser Weise als endemisches Gebiet sehen.

Die Ergebnisse des deutschlandweiten Screenings, das bis 2014 fortgeführt werden soll, werden eine Entscheidungsgrundlage bieten für das weitere Vorgehen. Christian Menge hält es schon jetzt für sinnvoll, den Umgang mit Rohmilch zu überdenken. „Problematisch ist, dass die Rindertuberkulose aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist. In den fünfziger und sechziger Jahren wusste jeder, was das Schild ,Rohmilch abkochen‘ auf Bauernhöfen bedeutet. Heute kann man dieses Wissen nicht mehr voraussetzen.“ Am Robert Koch-Institut beobachtet man, wie sich die Mycobacterium-bovis-Infektionen beim Menschen in Deutschland entwickeln (siehe „Kein Rückgang der Fälle beim Menschen“). Eins macht den Wissenschaftlern Sorge: Zwar gibt es keinen Anstieg. Aber das ist in diesem Fall keine positive Nachricht. Denn eigentlich müssten die Fallzahlen zurückgehen, nachdem die Seuche so lange als besiegt galt.

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