Weihnachtsbote im Anflug

Published 27/11/2013 in Home, Weltraum, Wissen

Weihnachtsbote im Anflug

Überlebt der Komet Ison seine Höllenfahrt um die Sonne, könnte der Schweifstern im Dezember als beeindruckendes Himmelsschauspiel zu sehen sein.

Höchstens fünf Kilometer groß ist der fragile Brocken aus Fels, Eis und Staub aus den kalten Außenbezirken des Sonnensystems. Derzeit entscheidet sich, ob das als „Komet Ison“ bekanntgewordene Objekt C/2012 S1 auch der Gluthitze der Sonne trotzen kann.

Mit mehr als 600 Kilometern pro Sekunde wird Ison am Donnerstag unser Tagesgestirn in einer fast 180 Grad engen Kurve passieren und sich der 6000 Grad heißen Oberfläche bis auf 1,1 Millionen Kilometer nähern, was weniger als einem Sonnendurchmesser entspricht. Übersteht Ison diesen Höllenritt, könnte er anschließend sogar für das bloße Auge am Himmel sichtbar werden und ein Himmelsschauspiel liefern, wie man es in Europa seit 1997 nicht mehr erlebt hat. Damals stand der Komet Hale-Bopp wochenlang am Himmel.

Isons seltsame Bahn

Ison elektrisiert seit Monaten Profi- wie Hobbyastronomen, die jedes Stadium seiner Entwicklung verfolgen. Spektakuläre – und reichlich unausgegorene – Vorhersagen kursierten schon, kurz nachdem die Astronomen Vitali Nevski und Artyom Novichonok den Kometen am 21. September 2012 als unscheinbares Lichtpünktchen auf Himmelsfotografien des russischen Kislovodsk-Observatoriums entdeckt hatten. Denn die Bahnkurve von Ison ist ungewöhnlich, wahren die meisten Kometen doch einen respektvollen Abstand zur Sonne.

Wie Ison stammen die meisten Schweifsterne aus der „Oortschen Wolke“, ein nach dem niederländischen Astronom Jan Hendrik Oort benanntes, bislang nur vermutetes Kometenreservoir am Rand des Sonnensystems. Manchmal gelangen die Objekte durch Störungen anderer Körper in die Nähe der Sonne, aber nur wenige gehen dabei so sehr auf Tuchfühlung wie Ison. Im Dezember 2011 passierte der Komet Lovejoy (C/2011 W3) die Sonne sogar in nur 140 000 Kilometer Distanz, dem halben Abstand Erde-Mond. Lovejoys beeindruckender Schweif war allerdings nur von der Südhalbkugel der Erde sichtbar.

Während die Kometenbahnen den Keplerschen Gesetzen folgen und daher recht genau vorausberechnet werden können, lässt sich die Helligkeitsentwicklung eines Kometen kaum prognostizieren – vor allem nicht, wenn er wie Ison zum ersten Mal in die Sonnennähe gerät.

Ein gewaltiger Schweif

Wie hell ein Komet bei seiner Annäherung an die Sonne wird, hängt davon ab, wie viel von seinem Eis durch die Hitze verdampft und als Gas aus dem Kometenkern schießt. Denn von der Erde sichtbar ist nur die hell leuchtende Kometenkoma, eine Wolke aus Gas und Staub, die den Kern vollständig einhüllt. Der geladene Teilchenwind der Sonne und der Druck, den ihr Licht auf die Staubpartikeln der Koma ausübt, sorgt schließlich für das Erkennungsmerkmal eines Kometen: seinen Schweif. Ison schmückte bereits Ende November ein mindestens acht Millionen Kilometer langer Gasschweif, seine Koma erreichte einen Durchmesser von über 100 000 Kilometern – das Zehnfache des Erddurchmessers.

Nach zwei Helligkeitsausbrüchen am 13. und 19. November war Ison bereits für geübte Beobachter mit einfachen Ferngläsern zu sehen. Im Laufe dieser Woche ist Ison am Taghimmel von der Erde aus nicht zu beobachten, mit den im All stationierten Sonnenobservatorien Stereo und Soho indes können die Forscher seinen Feuerritt verfolgen. Zu Wochenbeginn mehrten sich die Anzeichen, dass der Kometenkern schon im Anflug auf die Sonne auseinanderbricht. Ob und wie hell Ison im Laufe der ersten Dezemberwoche am Morgenhimmel sichtbar wird, können die Experten derzeit nicht sicher voraussagen.

Lernen für Europas Rosetta-Projekt

Ein Zerbrechen wäre für die Astronomen keine Katastrophe – sondern eine seltene Möglichkeit, das Innere eines „Fossils“ aus der Anfangszeit unseres Sonnensystems genauer zu untersuchen. Das Material des eisigen Boten aus der Oortschen Wolke hat sich seit 4,5 Milliarden Jahren nicht verändert. Die Erkenntnisse dürften auch den Forschern der europäischen Raumfahrtagentur Esa nützen, wenn die Sonde Rosetta im Sommer kommenden Jahres in einen Orbit um den Kometen Churyumov-Gerasimenko einschwenken und den Landeroboter „Philae“ auf der Kometenoberfläche absetzen wird.

Wann, wo und wie?

Die besten Chancen, Ison mit eigenen Augen zu sehen, bestehen am frühen Morgen bei Dämmerungsbeginn zwischen dem 4. und dem 16. Dezember. Ob Ison allerdings einen prächtigen Schweif entwickelt, ist noch unsicher. Im Laufe des Monats zieht der Komet seine Bahn in Richtung Norden, von Monatsmitte an ist er im Sternbild Herkules auch am Abendhimmel zu sehen. Allerdings entfernt sich Ison wieder von der Sonne, seine Helligkeit nimmt ab. Zudem stört in der zweiten Dezemberhälfte das helle Mondlicht. Zu Weihnachten könnte Ison im Falle seines Überlebens mit einem Fernglas oder Teleskop weiterhin aufzuspüren sein.

Am 27. Dezember wird Ison die Erde in einem Abstand von 65 Millionen Kilometern passieren.

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